Kurz beantwortet: Die meisten Menschen mit Zöliakie vertragen Hafer, wenn er nicht mit Weizen, Roggen oder Gerste verunreinigt ist. Das zeigen mehrere Studien, teils über Jahre. Ein kleiner Teil der Betroffenen reagiert aber auch auf reinen Hafer. Wer dazugehört, lässt sich vorher nicht sicher sagen. Deshalb gehört die Entscheidung für Hafer in ärztliche Begleitung.
Worum es eigentlich geht
Bei Zöliakie reagiert das Immunsystem auf bestimmte Eiweiße aus Weizen, Roggen und Gerste. Hafer hat ein eigenes, verwandtes Eiweiß: Avenin. Die Frage ist also nicht, ob Hafer „Gluten enthält“, sondern zwei Dinge:
- Ist der Hafer mit Körnern von Weizen, Roggen oder Gerste verunreinigt?
- Reagiert dein Immunsystem auf das Avenin selbst?
Die erste Frage lässt sich über eine kontrollierte Kette vom Feld bis zur Mühle lösen. Glutenfreier Hafer ist dabei kein besonderer Hafer, sondern ganz normaler Hafer, der getrennt geerntet, transportiert, gelagert und vermahlen und am Ende geprüft wird. Wie das funktioniert, erkläre ich in „Avenin im Hafer“. Um die zweite Frage geht es in den Studien.
Was die wichtigsten Studien zeigen
Viele Betroffene vertragen reinen Hafer über Jahre
Eine finnische Forschungsgruppe um Janatuinen hat Erwachsene mit Zöliakie über fünf Jahre begleitet, die regelmäßig reinen Hafer gegessen haben. Die Darmschleimhaut hat sich bei ihnen nicht verschlechtert, verglichen mit Betroffenen ohne Hafer (Janatuinen et al., 2002).
Ein kleiner Teil reagiert trotzdem
Eine norwegische Studie um Lundin hat Betroffene gezielt reinen Hafer essen lassen. Die meisten hatten keine Probleme. Bei einzelnen Teilnehmenden kam es aber zu Beschwerden, bei einer Person auch zu einer Schädigung der Darmschleimhaut. Im Blut dieser Personen fanden die Forschenden Immunzellen, die gezielt auf Avenin reagierten (Lundin et al., 2003). Das war ein wichtiger Nachweis: Die Reaktion kam vom Hafer selbst, nicht von einer Verunreinigung.
Die Übersicht: sicher für die meisten, nicht für alle
Garsed und Scott haben die bis dahin vorliegenden Studien systematisch ausgewertet. Ihr Ergebnis: Reiner Hafer ist für die Mehrheit der Menschen mit Zöliakie verträglich, ein kleiner Teil reagiert jedoch. Sie weisen auch darauf hin, dass viele Studien klein waren und Langzeitdaten fehlen (Garsed und Scott, 2007).
Nicht jeder Hafer ist gleich
Eine spanische Gruppe um Comino hat verschiedene Hafersorten verglichen. Das Avenin der einzelnen Sorten reagierte unterschiedlich stark mit Antikörpern und Immunzellen von Zöliakie-Betroffenen (Comino et al., 2011). Hier geht es nicht um Verunreinigung, sondern um den Aufbau des Avenins selbst. Auf der Verpackung steht die Sorte allerdings in der Regel nicht.
Was noch offen ist
Ehrlich gesagt: einiges. Wie groß der Anteil der Betroffenen ist, die auf Avenin reagieren, lässt sich aus den Studien nicht genau ablesen. Die Gruppen waren oft klein, die Methoden unterschiedlich. Es gibt auch keinen einfachen Test, der vorher zeigt, ob jemand Hafer verträgt. Und manche Beschwerden nach Hafer haben gar nichts mit Avenin zu tun, sondern einfach mit mehr Ballaststoffen, an die sich der Darm erst gewöhnen muss.
Was das für dich im Alltag bedeutet
- Iss bei Zöliakie nur Hafer, der ausdrücklich als „glutenfrei“ gekennzeichnet ist. Herkömmlich gehandelter Hafer ist fast immer mit anderem Getreide vermischt.
- Sprich mit deiner Gastroenterologin oder deinem Gastroenterologen, ob und wann du Hafer einführst, und lass dich dabei begleiten.
- Achte nach der Einführung auf Beschwerden und sprich sie offen an.
- Wenn du Hafer (noch) meidest, brauchst du Alternativen, die ganz ohne Hafer auskommen.
Hafer in meinen Backmischungen
In meiner broat®-Linie verwende ich ausschließlich Hafer aus einer kontrollierten, als glutenfrei zertifizierten Kette, zusammen mit Buchweizen und weiteren Vollkornzutaten. Für alle, die Hafer meiden, gibt es noOat®: glutenfrei und haferfrei, auf Basis von Buchweizen und Reisvollkorn.
Häufige Fragen
Vertragen Menschen mit Zöliakie Hafer?
Die meisten ja, wenn der Hafer nicht mit Weizen, Roggen oder Gerste verunreinigt ist. Ein kleiner Teil reagiert aber auch auf reinen Hafer.
Kann ich vorher testen, ob ich Hafer vertrage?
Nein, einen einfachen Test dafür gibt es nicht. Deshalb sollte Hafer ärztlich begleitet eingeführt werden.
Warum reagieren manche auf reinen Hafer?
Weil ihr Immunsystem auf bestimmte Abschnitte im Avenin reagiert, dem Eiweiß des Hafers. Wie stark, hängt auch von der Hafersorte ab.
Ich habe nach Hafer Bauchgrummeln. Ist das Avenin?
Nicht unbedingt. Hafer bringt viele Ballaststoffe mit, an die sich der Darm erst gewöhnen muss. Anhaltende Beschwerden solltest du aber ärztlich abklären lassen.
Quellen
- Janatuinen EK et al. (2002): No harm from five year ingestion of oats in coeliac disease. Gut 50(3).
- Lundin KEA et al. (2003): Oats induced villous atrophy in coeliac disease. Gut 52(11).
- Garsed K, Scott BB (2007): Can oats be taken in a gluten-free diet? A systematic review. Scandinavian Journal of Gastroenterology 42(2).
- Comino I et al. (2011): Diversity in oat potential immunogenicity. Gut 60(7).
Marcel Vasile – Bäckermeister (HWK), Lebensmitteltechnologe (B.Sc.) und Gründer von broat® und noOat®. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.
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